Nicht auf unserem Rücken – Solidarität statt Vereinzelung!

Wir sind Arbeiter*innen, prekär Beschäftigte, Erwerbslose, Angestellte und Solo-Selbstständige, die von der Corona-Krise betroffen sind. Gemeinsam wollen wir nicht länger ohnmächtig und auf uns alleine zurückgeworfen auf die Politik starren, sondern uns zusammentun und uns dagegen wehren, dass die Kosten der Krise auf unserem Rücken abgewälzt werden. Der Krisenpolitik und den Maßnahmen der Unternehmen, die darauf zielen, unsere Arbeits- und Lebensbedingungen weiter zu verschlechtern, setzen wir unsere gemeinsame Solidarität entgegen. 

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Was sich bereits vor der Corona-Pandemie andeutete, ist in den vergangenen Monaten für weite Teile der Gesellschaft spürbare Realität geworden: Die Weltwirtschaft befindet sich mal wieder in der Krise. Bereits im März traf es prekär Beschäftigte, etwa Angestellte in der Gastronomie oder Arbeiter*innen ohne Papiere, die auf einen Schlag kein Einkommen mehr hatten. Mittlerweile drohen Massenentlassungen und Standortschließungen bei Firmen wie Airbus, der Pella Sietas Werft, Lufthansa und Galeria Karstadt Kaufhof. Auch die Stimmen derjenigen werden immer lauter, die die weitere Aushöhlung von Arbeitnehmer*innenrechten, soziale Kürzungen sowie verschärfte Zugangsbeschränkungen zu Sozialleistungen fordern. Wir fürchten, dass das nur Vorboten von noch härteren Maßnahmen gegen weite Teile der Bevölkerung sind. 

Während die Politik anfangs noch Beschäftigte in „systemrelevanten Berufen“ in der Pflege oder an der Supermarktkasse lobend erwähnt hat, muss mittlerweile selbst um die von Politiker*innen öffentlichkeitswirksam versprochenen Mini-Prämien hart gerungen werden. Von realen Verbesserungen der Arbeitsbedingungen oder besserer Bezahlung sind die Beschäftigten meilenweit entfernt. Dem vermeintlichen „Wir“, das Politik und Wirtschaft so gerne betonen, steht damit eine Realität des Verteilungskampfes entgegen und die offene Frage, wer die Lasten und Kosten der Krise zu schultern hat. Es trifft vor allem Menschen, die aufgrund ihres (vermeintlichen) Geschlechts, ihrer Herkunft oder Klassenlage besonders benachteiligt sind. Als Frauen*arbeit geltende Tätigkeiten wie Kindererziehung und Pflege werden wieder in die Familie und damit in den Bereich der unbezahlten Arbeit zurückgedrängt. Migrantische Arbeiter*innen sind besonders von den miesen Arbeits- und Wohnbedingungen etwa beim Fleisch-Riesen Tönnies oder bei Amazon betroffen, wo das „Weiter so“ trotz mangelnder Hygienestandards zu hohen Infektionszahlen führte. Und die Einführung der von uns allen finanzierten Kurzarbeit für mehr als 7,3 Millionen Beschäftigte entlastet vor allem die Unternehmer*innen und erst an zweiter Stelle die Arbeitenden. 

Die Krise ist kein Virus – Sie ist die Krise des Systems! 

Während der Pandemie und der aufkommenden ökonomischen Krise zeigt sich einmal mehr, wie stark unsere Leben von Unsicherheit und der sexistischen und rassistischen Unterteilung des Arbeitsmarktes geprägt sind. Körperliche Überlastung aufgrund von Unterbesetzung in der Pflege, das „Über die Runden kommen“ mit zwei bis drei schlechtbezahlten Mini- und Nebenjobs, die fehlende Einhaltung von Arbeitsschutzmaßnahmen, die plötzliche Arbeitslosigkeit als (Schein-)„Solo-Selbstständige“, ungleiche Zugänge und Perspektiven in der Bildung, die Verdrängung von Kindererziehung und Pflege ins (unbezahlte) Private, ein dauerhaftes Arbeiten mit befristeten Verträgen und schlechter Bezahlung: Die Liste der Missstände, die in der Pandemie in besonderem Maße auf unsere Lebensbedingungen zurückschlagen, ist lang. Nicht das Virus ist die Ursache unserer Probleme, sondern eine von Profit getriebene Wirtschaftsweise und eine Politik, die diesem Interesse verpflichtet ist. 

Wir zahlen nicht! 

Eigentlich müssten jene Umstände Anlass genug sein, um über grundsätzliche Veränderungen in unserem Sinne nachzudenken. Doch das Gegenteil ist der Fall: Eine Heraufsetzung des Renteneintrittsalters, die weitere Abkehr vom 8-Stunden-Arbeitstag, die verstärkte Drangsalierung von Erwerbslosen und die Aussetzung des Mindestlohns – den Wunschvorstellungen der Unternehmer*innen sind keine Grenzen mehr gesetzt. Dabei fließen bereits jetzt die mehr als 1100 Milliarden Euro staatlicher Hilfsgelder zum überwiegenden Teil in die Taschen großer Unternehmen, die sich an unserer Arbeit eine goldene Nase verdienen. Die Gewinne der vergangenen Jahre haben die Konzerne und Firmen gerne für sich selbst verbucht, nun sollen wir alle aber die Lasten zur Rettung der Wirtschaft tragen. Nicht mit uns!  

Solidarische Strukturen aufbauen! 

Es ist höchste Zeit, diese Entwicklungen aufzuhalten und Druck von unten aufzubauen. Gerade jetzt, wo es zunehmend schwerer geworden ist, sich am Arbeitsplatz oder im Amt auszutauschen, sich zu vernetzen oder gar zum Arbeitskampf zusammenzuschließen, kommen wir im Rahmen unserer Möglichkeiten zusammen. Dabei wollen wir uns kennenlernen, unsere Erfahrungen austauschen und uns für die Unterstützung laufender und kommender Kämpfe vernetzen. Gemeinsam werden wir Kolleg*innen einen Raum geben, deren Stimmen oft nicht gehört werden. Als Lohnabhängige und Betroffene der Krise werden wir uns gemeinsam Gehör verschaffen.  

Dafür gehen wir am 8. August auf die Straße. Auf einer Kundgebung berichten unterschiedliche Kolleg*innen von ihren Kämpfen am Arbeitsplatz. Zusammen wehren wir uns gegen die Verschlechterungen unserer Arbeits- und Lebensbedingungen und tragen solidarische Antworten auf die Corona-Krise in die Öffentlichkeit. Es ist Zeit, dass wir uns vernetzen.

Solidarität statt Vereinzelung! Keine Bewältigung der Krise auf unsere Kosten! 

08. August 2020 | 12 Uhr
Gerhart-Hauptmann-Platz | Hamburg